Interview

«Der verbleibenden Zeit Lebensqualität geben»

2016

Therapieraum Onkologie

Palliative Care wird im Schweizer Gesundheitswesen immer bedeutender.
Dr. Jean-Marc Lüthi erläutert, was eine gute Versorgung ausmacht und warum die koordinierte Vernetzung so wichtig ist.

Dr. Lüthi, wofür steht Palliative Care ganz genau?

Die Palliative Care befasst sich mit der Betreuung und Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen respektive chronisch fortschreitenden Krankheiten. Insbesondere versucht Palliative Care eine angepasste, optimale Lebensqualität zu bieten und störende Symptome zu lindern. Mithilfe von medizinischen Behandlungen, Pflege und psychologischer, sozialer und spiritueller Unterstützung liegt ihr wichtigstes Ziel darin, Leiden und Komplikationen vorzubeugen - unabhängig davon, ob es sich um eine Krebs-, Herz-, Lungen- oder andere Erkrankung in der Endphase handelt.

Erst seit Kurzem gelingt es der Palliativmedizin an Akzeptanz zu gewinnen. Wieso stand sie so lange im Schatten der unterschiedlichen medizinischen Disziplinen?

Die «klassischen» Ziele der Medizin sind die Heilung und Lebenserhaltung. Mit der Endphase des Lebens hat sich die Medizin lange Zeit wenig oder nicht auseinandergesetzt. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Forschung in diesem Bereich schwierig ist. Nicht nur, was die Fragestellungen betrifft, auch ist es nicht leicht, in der Palliativmedizin die Forschung zu finanzieren.

Was macht eine gute Palliative Betreuung aus?

Palliative Care ist eine interdisziplinäre und interprofessionelle Teamarbeit. Eine optimale Vernetzung ist dabei zentral, und es muss transparent sein, wer welche Leistungen anbietet und wie man zu diesen Zugang erhält. Auch sollte die Palliative Care frühzeitig beginnen und die Patienten vorausschauend betreuen. Es braucht eine Plattform, über die sich Ärzte, Pflegende, Therapeuten sowie Angehörige und Seelsorger immer wieder treffen und auch austauschen können.

Ein wichtiger Aspekt, der auch in der Nationalen Strategie Palliative Care festgeschrieben ist. Warum ist die koordinierte Vernetzung so wichtig?

Die Leistungserbringer dürfen sich nicht als Konkurrenten verstehen, die Zusammenarbeit als Team ist gefragt. Da es in der Palliative Care ganz verschiedene Leistungen in den unterschiedlichen Lebensphasen der Patienten braucht, gilt es, sämtliche Leistungserbringer - inklusive der Angehörigen und Freiwilligen - miteinander zu vernetzen und die vorhandenen Leistungen koordiniert anzubieten. Nur so ist es möglich, dem Patienten die bestmögliche Versorgung zu bieten und die Angehörigen umfassend zu unterstützen. Dies macht übrigens auch aus ökonomischer Sicht Sinn.

Apropos ökonomisch: Lassen sich aus Sicht der Einrichtungen mit Palliative Care schwarze Zahlen schreiben?

Es ist schwierig, mit Palliative Care Geld zu verdienen. Die Finanzierung ist ein grosses Thema. Es gilt aber zu differenzieren: Die Fallpauschalen (DRGs) sollten es ermöglichen, in der stationären Grundversorgung als auch in der spezialisierten Palliative Care im stationären Bereich keine Defizite zu schreiben. Jedoch ist unklar, wie die spezialisierte Palliative Care im mobilen Bereich finanziert werden soll. Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass eine gute und organisierte Palliative Care die Kosten in der Endphase senkt und nicht erhöht. Dies ist wissenschaftlich bewiesen.

Und dazu gehört auch gut ausgebildetes Personal...

Richtig. Das ist elementar, denn Palliative Care will gelernt sein. Wer in diesem Bereich arbeiten will, kann nicht nur ein Grundwissen mitbringen. Unverzichtbar sind spezifische Aus- und Weiterbildungen, sowohl auf der Pflege- als auch auf der Ärzteebene. Im Bereich Pflege gibt es in der Schweiz seit Jahren ein breites Spektrum an Aus-, Weiter- und Fortbildungsangeboten. Seit Kurzem können sich Fachärztinnen und Fachärzte in der Schweiz in der Palliativmedizin spezialisieren und den Schwerpunkttitel Palliativmedizin erlangen - ein wichtiger Meilenstein in der Schweizer Palliativmedizin.

Wie schätzen Sie die Versorgung in der Schweiz aktuell und in zehn Jahren ein?

In den vergangenen Jahren hat sich die Palliative Care stetig verbessert und macht auch weiterhin immer mehr Fortschritte. Wir sehen eine sehr positive Entwicklung, aber mit noch grossen regionalen Unterschieden. Es ist noch viel zu tun. Ich bin aufgrund der unzähligen Aktivitäten, die in der Schweiz herrschen, jedoch sehr optimistisch. Auch da sich der Bund von höchster Ebene verpflichtet fühlt und wir in der Basis ein hohes Interesse haben, bin ich davon überzeugt, dass wir in zehn Jahren dort stehen, wo sich die Nationale Strategie Palliative Care das wünscht und jeder in der Schweiz zu guter Palliative Care einen Zugang haben wird.

Im Interview

Dr. med. Jean-Marc Lüthi
Chefarzt
Onkologiezentrum Thun-Berner Oberland
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