Interview / Prostatakrebs

«Die Lebensqualität darf nicht zu kurz kommen»

2015

Jochen Binder ist Erfinder der Roboter-assistierten Prostatakrebsoperation. Was das Besondere an der im Jahr 2000 erstmalig angewandten DaVinci-Methode ist, erläutert der Urologe im folgenden Interview.

Operationssystem DaVinci im Einsatz

Dr. Binder, gerade im urologischen Bereich treten viele verschiedene Krebsformen auf. Welche sind da
insbesondere zu erwähnen und was ist das Markante daran?

Leben mit Krebs ist gerade in der Urologie ein ganz wichtiges Thema. Wir Urologen betreuen viele Menschen mit einem Krebs an den Harnwegen oder den Geschlechtsorganen und dies über sehr viele Jahre. Auch aus diesem Grunde spielt für mich der Aspekt der Lebensqualität in der Tumorbehandlung eine überragende Rolle. Ein Beispiel ist der Hodentumor des meist jungen Mannes. Dieser kann in einem frühen Stadium durch das Abtasten der Hoden entdeckt werden und ist meist heilbar. Das andere sind Tumoren der Harnblase. Dieser typische Raucherkrebs macht sich zumeist früh in Form von Blutungen im Urin bemerkbar. Auch diese Krebsform ist meistens beherrschbar, sodass viele Patienten sehr lange damit leben können. Die häufigste Krebsform des Mannes ist jedoch der Prostatakrebs.

Welche Personengruppe hat ein besonders hohes Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken?

Insbesondere der älter werdende Mann ist von dieser oftmals sehr langsam wachsenden Krebsform betroffen. Vor dem 50. Lebensjahr werden Prostatakarzinome nur selten diagnostiziert. Das Durchschnittsalter der Männer, die wir mit Prostatakrebs operieren, liegt bei 62 Jahren. Und von Autopsie-Studien wissen wir, dass vier Fünftel der 80-Jährigen Krebsherde in ihrer Vorsteherdrüse tragen. Vor allem familiär vorbelastete Männer haben ein erhöhtes Risiko, früh an Prostatakrebs zu erkranken.

Gibt es bestimmte Warnzeichen?

Jeder Tumor hat seine charakteristischen Eigenheiten. Ein Prostatakrebs bereitet erst Beschwerden in einem fortgeschritteneren Krankheitsstadium. Treten bei dem Betroffenen Knochenschmerzen auf, ist dies ein Anzeichen für Skelettmetastasen, der typischen Folgeerkrankung des Prostatakrebses. Diese nicht mehr heilbare und mit stärksten Schmerzen einhergehende Krankheitsphase ist für mich der hauptsächliche Grund, Männern ab dem mittleren Alter ein Früherkennungsprogramm zu empfehlen.

Wie wird Prostatakrebs diagnostiziert?

Bei der Vorsorgeuntersuchung werden mehrere Untersuchungen herangezogen, um das Risiko für das Vorliegen eines Prostatakrebses einzuschätzen. Neben dem Erheben der Familiengeschichte erfolgen das Abtasten über den Enddarm, ein Ultraschall und die Kontrolle eines Blutwertes, des sogenannten PSA. Ist die Befundkonstellation verdächtig, wird der Urologe dem Patienten in der Regel eine Gewebeentnahme empfehlen. Als weitere Untersuchung liefert die Magnetresonanztomografie (MRT) zunehmend wertvolle Hinweise zur Unterscheidung zwischen gut- und bösartigen Organveränderungen.

Welche Therapieformen sind bei Prostatakrebs Standard?

Die Behandlung des Prostatakarzinoms ist für mich immer eine Einzelfallentscheidung unter Einbezug medizinischer und biografischer Kriterien. Etabliert sind seit vielen Jahren operative Verfahren und die Bestrahlung. Da das Prostatakarzinom oftmals nur langsam wächst, ist auch die Option einer sogenannten Active Surveillance zu prüfen, bei der eine Behandlung aufgeschoben und das Fortschreiten des Krebses regelmässig kontrolliert wird – gerade, weil die Behandlungen die Lebensqualität doch deutlich einschränken können.

Dennoch hat sich ja im Vergleich zu früher bezüglich des Erhalts der Lebensqualität einiges getan.

Richtig, insbesondere die Einführung der Mikrochirurgie mit dem DaVinci-System hat einen Entwicklungsschub ausgelöst und die Operationstechnik grundsätzlich verfeinert. Mikrochirurgisches Instrumentarium und eine 15-fache Vergrösserung der unter der Symphyse im kleinen Becken eher unzugänglich eingebetteten Prostata dienen dem besseren Erhalt der feinen Gefäss- und Nervenstrukturen.

Sie waren vor 15 Jahren weltweit der erste Chirurg, der mit dem DaVinci-Operationsroboter Prostatakrebs entfernt hat. Welche Idee steckte hinter dieser innovativen Operationsmethode, die mittlerweile fast weltweit Standard ist?

Aufgrund der Komplexität der Prostatakrebsoperation hatte sich bis dahin die weniger invasive «Schlüsselloch»-Technik nicht durchsetzen können. Mithilfe des zunächst für die Herzchirurgie konzipierten DaVinci-Operationsroboters wurden die Schwierigkeiten jedoch gemeistert. Es brauchte jedoch noch jahrelange Entwicklungsarbeit, bis die optimalen Werkzeuge entwickelt waren. Für die Chirurgie am Harntrakt gelten schliesslich ganz andere Anforderungen als am Herzen.

Können Sie uns beschreiben, was das Einzigartige an dem DaVinci-Operationsroboter ist?

Sie sind als Operateur während des drei Stunden dauernden Eingriffs nicht mehr direkt am OP-Tisch, sondern bedienen die Instrumente von einer Konsole aus. Die Instrumente haben die gleichen Freiheitsgrade wie die menschliche Hand. Die Steuerung ist sehr intuitiv, sodass sich nach kurzer Zeit das Gefühl einstellt, Hände und Instrumentarium verschmelzen miteinander. Dazu trägt auch die ausgezeichnete vergrösserte 3-D-Sicht bei.

Worin liegen die grössten Vorteile dieses Systems?

Analog zur herkömmlichen offenen Operationsmethode wird die Prostata vollständig mit den Endstücken der Samenleiter und den Samenblasen entfernt. Der Zugang geschieht aber sehr gewebeschonend lediglich über fünf kleine Eröffnungen der Bauchwand. Bewiesen ist der Vorteil der DaVinci-Methode inzwischen bei beleibten Patienten, die mit der Robotertechnik wesentlich einfacher zu operieren sind. Präzisionsinstrumente und eine bessere Sicht erleichtern die Präparation der Harnröhre und der Gefäss-Nerven-Strukturen sowie die Rekonstruktion von Blasenhals und Verbindung zur Harnröhre.

Mit welchen Begleiterscheinungen müssen die Patienten nach der Operation rechnen?

Die typischen Begleiterscheinungen beziehen sich auf die Blasenfunktion und auf die Sexualität. Beckenbodengymnastik ist wichtig, um nach der Operation möglichst bald wieder eine zuverlässige Blasenkontrolle zu erlagen. Aus diesem Grund empfehle ich allen Männern bereits vor der Operation, unter fachlicher Anleitung die entsprechenden Beckenbodenübungen zu erlernen. Für die Sexualität nach der Operation spielt neben operationstechnischen Faktoren, der Tumorausdehnung und dem Alter auch entscheidend eine Rolle, wie aktiv ein Patient vor der Operation gewesen ist. Viele Männer beklagen bereits vor der Operation eine Erektionsschwäche. Bei Männern, die vor dem Eingriff regelmässig sexuell aktiv waren, bestehen auch nach der Behandlung gute Chancen, Geschlechtsverkehr haben zu können.

Was bedeutet es für das männliche Geschlecht, keine Prostata mehr zu haben?

Fakt ist: Der Mann bleibt auch nach der Behandlung ein Mann. Hormonstatus und Lust erfahren keine Veränderung durch die Operation oder auch die Bestrahlung. Sensibilität und Orgasmusgefühl bleiben erhalten. Definitiv verloren geht der Samenerguss. Auch das Erreichen und Halten der Erektion kann erschwert sein, sodass bedarfsweise Medikamente oder Hilfsmittel eingesetzt werden müssen.

Bei welcher Indikation neben der Prostatektomie kommt der DaVinci-Operationsroboter noch zum Tragen?

Wir nutzen das DaVinci-System auch für ausgewählte Nierenoperationen, etwa bei angeborenen Abgangsengen des Nierenbeckens und bei Nierentumoren. In vielen Fällen kann man Letztere organerhaltend mit dem DaVinci-System herausnehmen.

Wie sehen Sie die Zukunft der DaVinci-Methode? Wird es irgendwann möglich sein, nur Teile der Prostata zu entfernen?

Die Prostatakrebsbehandlung schliesst immer das komplette Organ ein. Das gilt sowohl für die chirurgische Behandlung als auch für die Radiotherapie. Allerdings wird derzeit in Studien untersucht, ob eine Heilung auch durch eine gezielte Behandlung des hauptsächlichen Krebsherdes erzielt werden kann. Dabei wäre das DaVinci-System jedoch wenig hilfreich, denn operationstechnisch erscheint eine sinnvolle Teilentfernung der Prostata nicht möglich. Im Gegensatz dazu ist eine organerhaltende Operation bei anderen Krebsarten der Harnorgane seit vielen Jahren Standard, zum Beispiel bei der Harnblase oder der Niere.

Welche Gründe sind ausschlaggebend, dass man an der kompletten Entfernung der Prostata festhält?

Beim Prostatakrebs ist die Ausgangslage wie beschrieben etwas ungünstiger. Zum einen finden sich in der Mehrzahl verschiedene nichtzusammenhängende Krebsherde in der Prostata. Zum anderen sind die bildgebenden Verfahren immer noch nicht ausreichend exakt, um alle Krebsherde zu lokalisieren. Daher gilt bisher weiterhin die allgemeine Empfehlung, die Prostata vollständig und präzise behandeln zu lassen, sobald ein Prostatakrebs die Kriterien einer Behandlungswürdigkeit erfüllt.

​Im Interview

PD Dr. med. Jochen Binder,
geb. 1963, war im Jahr 2000 weltweit der erste Urologe, der das Operationssystem DaVinci für die Prostatakrebsoperation eingesetzt hat.
Werdegang:
Nach Ausbildungsjahren in Deutschland, der Schweiz und den USA wurde Jochen Binder im Jahr 2002 zum Chefarzt der Urologie des Kantonsspitals Frauenfeld gewählt. Seit 2012 ist er Partner der Schlossberg Ärztezentrum AG in Frauenfeld
· Sprechstunde in Frauenfeld und Kreuzlingen
· Operationen als Belegarzt in der Klinik Seeschau Kreuzlingen, im Uroviva-Netzwerk in Männedorf, Bülach und der   Klinik Hirslanden in Zürich