Interview / Brustkrebs

«Mir wurde bewusst, dass ich sterben könnte»

2015

Claudia Singh

5’500 Frauen in der Schweiz erkranken jedes Jahr an Brustkrebs. Claudia Singh (45), Ex-Personalfachfrau einer Bank, bekam Anfang 2014 die Diagnose. Im Interview spricht sie über ihr Leben mit dem Krebs.

Wie haben Sie erfahren, dass Sie Brustkrebs haben?

Ich war auf einer Geschäftsreise in Polen, als mein Frauenarzt mich anrief. Zuvor hatte ich einen Knoten in meiner Brust entdeckt und war zur Untersuchung gegangen, bei der eine Gewebeprobe entnommen wurde. Der Arzt sagte mir, dass der Knoten leider bösartig sei. Das war ein schlimmer Moment.

Wie wurde der Tumor behandelt?

Er wurde sofort operativ entfernt. Ein paar Tage später sagten mir die Ärzte, dass der Tumor grösser war als angenommen und eine zweite OP notwendig sei, bei der mir die ganze Brust entfernt werden müsse, und auch ein Strahlen- und Chemotherapie stünde an. Das war ein weiterer Schock. Mir wurde bewusst, dass ich sterben könnte. Ich hatte vor allem Angst, meine vierjährige Tochter nicht weiter auf ihrem Weg begleiten zu können. Doch es gab auch eine gute Nachricht: Der Krebs hatte nicht gestreut. Da kehrte in mir der Glaube zurück, dass alles gut wird. Die Therapien waren allerdings sehr strapaziös. Die Broschüren der Krebsliga waren mir in diesem Prozess treue Begleiterinnen.

Haben Sie mit Ihrer Tochter über die Krankheit gesprochen?

Ja, ich habe mit ihr sehr offen über die Erkrankung gesprochen und ihr erklärt, was los ist. In der Zeit vor der Chemo habe ich ihr eine Collage gebastelt. Ich habe jede Woche der Therapie aufgezeichnet und dazu Bilder aufgeklebt, von einer Frau ohne Haare, einer mit Perücke, einer mit Kopftuch und einer, die müde ist. Dann haben wir Woche für Woche zusammen abgehakt.

Wie verlief Ihre Heilung?

Mein Heilungsprozess hat unter anderem in der Natur stattgefunden. Ich war viel im Wald spazieren und joggen. Dort hatte ich Zeit zum Nachdenken und konnte Kraft schöpfen. Mein Lebenspartner war ein Fels in der Brandung, er hat mir den Rücken freigehalten, wenn ich Zeit für mich gebraucht habe, und er war immer für mich da. Der Heilungsprozess benötigt viel Zeit und die Belastbarkeit hat sich verändert. Ich sehe die Krankheit als Chance, beruflich einen neuen Weg einzuschlagen und werde eine Massagepraxis eröffnen, um unter anderem krebskranken Menschen zu helfen. Ich lebe im Hier und Jetzt und mache das Beste aus meinem Leben.