Interview / Prostatakrebs

«Moderne Technik ermöglicht präzisere Eingriffe»

Von Kantonsspital Graubünden · 2015

PD Dr. med. Räto Thomas Strebel, Chefarzt Urologie am Kantonsspital Graubünden, über die Bedeutung des Tumorboards und den Einsatz von Robotern bei der Entfernung von Prostatatumoren.

Der DaVinci-Operationsroboter überträgt die Fingerbewegungen des Operateurs präzise auf die Instrumente.

Der Prostatakrebs ist die häufigste Krebsart bei Männern. Was unterscheidet ihn von anderen urogenitalen Tumoren?

Ein wesentlicher Unterschied ist, dass der bösartige Prostatatumor oft langsamer wächst als andere Krebserkrankungen. Wird ein Tumor im Frühstadium entdeckt, reicht daher häufig eine aktive Überwachung als Therapiemassnahme aus. Das langsame Wachstum bedingt jedoch auch, dass es keine typischen Symptome, die auf die Erkrankung frühzeitig und eindeutig hinweisen, gibt. Daher ist ein Vorsorge-Check ab dem 50., bei einer familiären Vorbelastung ab dem 45. Lebensjahr ratsam. Zu einer Einengung der Harnröhre mit Beschwerden beim Wasserlassen kommt es meist erst, wenn der Tumor schon gross ist. Allerdings besteht nicht gleich Grund zur Sorge. Es kann auch eine gutartige Vergrösserung der Prostata dahinter stecken. Treten Beschwerden auf oder befindet sich gar Blut im Urin, sollte ein Urologe den urogenitalen Bereich genauer untersuchen.

Welche Bedeutung hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Rahmen der onkologischen Therapie?

Die Therapieplanung von Patienten, bei denen ein Prostatakrebs diagnostiziert wurde, sollte idealerweise immer interdisziplinär erfolgen. Am Kantonsspital Graubünden setzen wir das im Rahmen eines uro-onkologischen Tumorboards um. Dort wird der Patient mit seiner Krankenakte angemeldet und dem interdisziplinären Team aus Urologen, Onkologen, Radioonkologen, Pathologen und gegebenenfalls einem Nuklearmediziner oder Allgemeinmediziner vorgestellt und interdisziplinär diskutiert. Die verschiedenen Sichtweisen ermöglichen es, verschiedene Optionen in Erwägung zu ziehen, um letztlich die für den jeweiligen Patienten besten Behandlungsmöglichkeiten herauszufiltern. Der Tumorboard-Beschluss wird anschliessend mit dem Patienten diskutiert. Dabei geht es auch um die Aufklärung der Chancen und Risiken der Therapien.

Fällt der Entscheid für eine Entfernung des Tumors, dann kommt im OP-Saal ein Roboter zum Einsatz...

Das ist richtig. Am Kantonsspital Graubünden haben wir bereits seit 2009 mit dem DaVinci S Operationsroboter gearbeitet, der im April durch das neueste Modell, den DaVinci Xi, abgelöst wurde. Jährlich führen wir zwischen 80 und 100 radikale, minimalinvasive Prostatektomien durch. Der Roboter kommt aber auch bei laparaskopischen Eingriffen an der Niere, Blase und am Harnleiter zum Einsatz. Dabei werden die mit den Roboterarmen verbundenen Instrumente und eine Kamera über kleine acht Millimeter lange Einschnitte in der Bauchdecke eingeführt. Als Operateur sitze ich während der OP an einer Konsole, die meine Fingerbewegungen präzise auf die Instrumente überträgt und ein sehr ergonomisches Arbeiten erlaubt.

Was kann der neue Roboter besser als die Vorgängermodelle?

Nebst den bekannten Vorteilen der DaVinci- Technik wie hochpräzisen und zittergefilterten Bewegungen in sehr engem Raum, optimal ausgeleuchtetem und um das zehn- bis fünfzehnfache vergrössertem Operationsgebiet in 3-D-Technik erlaubt das Xi-System eine einfachere Positionierung des Gerätes zum Patienten. Der Bewegungsumfang der Instrumentenarme hat deutlich zugenommen. Ausserdem ist ein moderner Trainingssimulator integriert. Die digitale Bildwiedergabe liefert zudem noch schärfere 3-D-Bilder vom Operationsgebiet als die Vorgängermodelle und die integrierte Firefly™-Technologie ermöglicht eine Durchblutungskontrolle während des Eingriffs.

Welchen konkreten Nutzen haben die Patienten vom Da Vinci Roboter der neuesten Generation?

Generell lässt sich meiner persönlichen Überzeugung nach mit Hilfe des DaVinci-Systems die Entfernung der Prostata präziser und schonungsvoller durchführen. Patienten haben nach dem Eingriff weniger Schmerzen und sind schneller wieder auf den Beinen als mit der traditionellen offenen Operationstechnik. Der Genesungsprozess verkürzt sich. Für den Behandlungserfolg, vor allem was die Kontinenz und Potenz betrifft, ist die Technik allein nicht verantwortlich, sie unterstützt und erleichtert unsere Arbeit. Die richtige Indikationsstellung, Vorabklärungen, ein kompetentes Behandlungsteam und ein erfahrener Urologe sind entscheidend. Denn mangelnde Erfahrung eines Chirurgen kann selbst der innovativste Roboter nicht ersetzen.

​Im Interview

PD Dr. med. Räto Thomas Strebel
Facharzt FMH für Urologie,
Schwerpunkt operative Urologie
Leiter Urologische Abteilung Kantonsspital Graubünden
www.ksgr.ch