Interview

«Neue Therapie-Entwicklungen räumen den Alters-Bias aus»

Von Onkozentrum Hirslanden · 2016

Neue Therapieansätze auch für körperlich unfitte Patienten

Prof. Dr. med. Christoph Renner über den Begriff «Altersleukämie», die Herausforderungen bei der Behandlung von Patienten mit chronisch lymphatischer Leukämie (CLL) und neue Therapieansätze.

Mehr als die Hälfte der Patienten, bei denen CLL diagnostiziert wird, ist im Schnitt 72 Jahre alt. Daher wird gerne der Begriff «Altersleukämie» verwendet. Ist das korrekt?

Nicht ganz. Zwar handelt es sich primär um eine Erkrankung des älteren Menschen, es kann aber auch jüngere Menschen treffen. Zudem ist mit dem Begriff Leukämie oftmals die Schreckensvorstellung behaftet, dass die Erkrankung in kürzester Zeit zum Tod führt und immer eine sehr intensive Therapie bedarf. Die Realität sieht anders aus, sodass der Begriff «Altersleukämie» aus meiner Sicht für den Patienten häufig sehr verwirrend und unpassend ist. 

Wird die Diagnose heutzutage häufiger gestellt?

Diagnose ist nicht gleich Diagnose, denn es gibt eine Vorläufererkrankung. Wir Mediziner sprechen von der sogenannten Monoklonalen B-Lymphozytose, kurz MBL. Sie ist zwar keine klinisch manifeste Krankheit per se, kann sich aber in eine CLL entwickeln. Dass die monoklonalen B-Lymphozyten, übrigens eine Untergruppe der weissen Blutkörperchen, sich vermehrt haben, wird meist zufällig im Rahmen einer Blutuntersuchung festgestellt. Dass diese Labordiagnose heutzutage häufiger gestellt wird, ist unter anderem Folge einer immer komplexeren und empfindlicheren Diagnostik. Umso genauer man hinschaut, desto eher findet man eben auch was.  

Wann ist eine Behandlung erforderlich? Und welche Therapien kommen infrage?

Wenn es sich lediglich um eine Labordiagnose, also um einen Hinweis auf eine mögliche Entstehung einer CLL handelt, ist in der Regel Abwarten und Beobachten die richtige Strategie. Eine Behandlung ist nur dann angebracht, wenn eine fortgeschrittene Erkrankung oder in einem frühen Stadium – insbesondere bei jungen Patienten – ein ungünstiges genetisches Risikoprofil vorliegt. Das Vorhandensein krankheitsbedingter B-Symptome wie Gewichtsverlust oder Fieber wird häufig als Initiator für einen Therapiebeginn genommen. Im Gegensatz zu anderen Krebsarten haben die chirurgische Operation und die Strahlentherapie bei der Behandlung der CLL keinen nennenswerten Stellenwert, da es sich um eine systemische Erkrankung handelt. Die Therapie erfolgt medikamentös, zum Beispiel durch eine Chemotherapie in Kombination mit monoklonalen Antikörpern oder einer neueren Medikamentengruppe, den sogenannten Signalblockern. Damit kann die Krankheit heutzutage gut behandelt, aber nicht geheilt werden. Bei jüngeren Patienten mit genetischem Risikoprofil oder ungünstigem Krankheitsverlauf kommt eine Stammzellentransplantation infrage.

Bekanntlich eignen sich weder eine Therapie mit Zytostatika noch eine Stammzellbehandlung für körperlich unfitte Patienten. Was bedeutet das für ältere Menschen mit CLL?

Früher hätte man einen Patienten jenseits der 70 häufig nur palliativ behandelt. Zwar ist es in der Tat so, dass viele ältere Patienten nicht an CLL sterben, sondern an einer anderen altersbedingten Krankheit, wie einem Herzversagen. Aber das ist keine allgemeingültige Regel mehr. Hinzu kommt die Ungewissheit, die der lange, rezidivierende Krankheitsverlauf mit sich bringt und die sich stark auf die Lebensqualität von Betroffenen auswirkt. Man darf nicht vergessen, dass wir alle und somit auch die CLL-Patienten, bei denen Behandlungsbedarf besteht, immer älter werden. Daher ist die Entwicklung neuer Therapien nötig, mit denen auch «unfitte» Patienten behandelt werden können. Neue Erkenntnisse hinsichtlich neuer Therapieverfahren sind daher wichtig, um eine altersangepasste Vorgehensweise in der Behandlung der CLL zu ermöglichen. 

Gibt es bereits neue Ansätze für Therapien, die besser verträglich sind?

In der Tat. Man versteht heutzutage immer besser, welche genetischen Veränderungen in den Zellen dazu führen, dass diese sich unkontrolliert vermehren. Das Wissen über die verantwortlichen Signalmoleküle nutzt die Forschung bereits, um bestimmte Protein-Hemmer zu entwickeln. Ein vielversprechender Ansatz zielt dabei auf den «programmierten Zelltod», auch Apoptose genannt. Zell-Apoptose ist ein natürlicher, lebensnotwendiger Mechanismus. Bei Krebs werden jedoch kranke Zellen nicht schnell genug vernichtet, da eine Resistenz gegenüber Apoptose besteht. Durch Einsatz neuer, zielgerichteter Kinase-Hemmer kann die Fähigkeit der CLL-Zelle, die Selbstzerstörung auszulösen, wiederhergestellt werden. Ansonsten nur schwer zu behandelnde und gerade auch ältere CLL-Patienten könnten in Zukunft von dieser Therapie profitieren.

Im Interview

Prof. Dr. med. Christoph Renner
Facharzt für Hämatologie und
Allgemeine Innere Medizin
Onkozentrum Hirslanden & Zürich
Klinik Hirslanden
www.onkozentrum.ch