Psychoonkologie

Wenn der Tumor die Seele angreift

Von Nadine Effert · 2016

Psychische Beschwerden rauben Patienten Energie, die sie für die Therapie und im Kampf gegen den Krebs brauchen.

Die psychoonkologische Betreuung ist eine Säule des Behandlungskonzepts von Krebspatienten. Sie hilft beim Umgang und der Verarbeitung der Diagnose und behandelt psychische Krankheiten und Symptome.

Die Diagnose «Krebs» ist ein Schock. Vom «Sturz aus der Wirklichkeit» sprechen Psychoonkologen, wenn die Erkrankung von einen auf den anderen Moment das komplette Leben auf den Kopf stellt, der ganze Alltag sich ändert und von der Angst vor den Auswirkungen der Therapie und davor, dass der Krebs nicht besiegt werden könnte, geprägt ist. Wie sehr dieses Gefühlschaos aus Angst, Wut, Hilflosigkeit und Hoffnung die Psyche von Betroffenen angreift, kann durch kein Röntgenbild erfasst werden, bedarf aber besonderer Aufmerksamkeit. Viele Studien belegen, dass die seelische Verfassung einen Einfluss auf den Verlauf bestimmter Krebserkrankungen haben kann.

Viele Patienten leiden an Depressionen

Bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen führt die Krebserkrankung zu tiefgehenden psychischen Problemen und anderen körperlichen Beschwerden, wie Depressionen, Schlafstörungen oder Schmerzen. So gehen Experten davon aus, dass jede vierte Brustkrebspatientin an einer behandlungsbedürftigen Depression leidet. Die Folge: Die negativen Auswirkungen auf Geist und Körper schränken die Lebensqualität ein und rauben Patienten Energie, die sie für die Therapie und im Kampf gegen den Krebs brauchen.

Hilfe für Patienten und ihre Familien

Mit den Zusammenhängen zwischen der Erkrankung und deren Einfluss auf das Leben beschäftigt sich die Psychoonkologie, die sich in den 1970er-Jahren als wissenschaftlich anerkanntes medizinisches Fachgebiet etabliert hat. Genauer gesagt befasst sie sich mit den psychischen beziehungsweise psychosozialen Ursachen, Folgen und Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung. Im Fokus steht die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Einbeziehung der Angehörigen, denn auch für sie ist die Erkrankung eine grosse Belastung. Als Massnahmen kommen unter anderem psychotherapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Physio-, Bewegungs-, Musik und Kunsttherapie sowie Entspannungsübungen wie Yoga oder autogenes Training zum Tragen.

Über die Erkrankung hinaus wichtig

Sei es stationär oder ambulant - die psychosomatische Unterstützung ist stets individuell auf den Patienten und seine Bedürfnisse zugeschnitten und spielt auch in der Rehabilitation eine grosse Rolle. Denn auch wenn der Krebs besiegt ist, die Angst, er könne zurückkehren, bleibt. Eine gute Anlaufstelle ist die Krebsliga Schweiz. Sie bietet eine Reihe an mehrtägigen Seminaren für Betroffene und Angehörige an, die Mut machen und den Weg zurück ins «normale Leben» erleichtern sollen.